Selbstgespräche

Lagerfeuerliteratur

Ich mag Natur. Sie ist wichtig und wirklich schön. Ich verstehe, wenn Leute sagen, sie wollen im Urlaub campen gehen, um der lauten, hektischen Großstadt zu entkommen. Ich finde campen toll, in der Theorie. Alle sitzen ums Lagerfeuer, es gibt Stockbrot und man guckt einfach nur verträumt ins lodernde Licht. Idylle pur.
Dann krabbelt man ins Zelt und schläft seelenruhig bei den Geräuschen von Mutternatur ein. Das ist die Traumvorstellung. In der Realität sieht das doch meistens ganz anders aus.
Das Stockbrot schmeckt pappig und hält nicht am Stock. Dutzende Käfer und andere Krabbeltiere machen es in deinen Schuhen und deiner Hose bequem. Und im Zelt ist schon eine ganze Ameisenkolonie eingezogen. Dann fängt es nachts noch an zu schütten und das >eigentlich< wasserdichte Zelt leckt. Am nächsten Morgen weckt dich das Geschrei der anderen Camper-Kinder. Du krabbelst aus dem Zelt. Mit knackenden Gelenken versuchst du die steifen Glieder zu strecken. Im gequälten, halbgebückten Gang läufst du zu den Waschhäusern. Die Toiletten riechst du schon aus 20m Entfernung und die Duschen würdest du normalerweise nur im Ganzkörperkondom betreten. Mit Idylle hat das Ganze eher weniger zu tun.
Ja, ich mag Natur. Weit weg. Im Urlaub. Oder abgrenzt wie ein Park, das geht. Ich kann einfach nicht mit Natur. Insekten finde eklig. Ich krieg Rückenschmerzen, wenn ich nicht auf einer Matratze schlafe. Und von diesem „im Wald pinkeln“ will ich gar nicht erst anfangen.
Mein Rückzugsort, meine Insel der Erholung, ist mein Balkon. Die Laternen sind mein Lagerfeuer, der Döner mein Stockbrot. Die Auto-, Straßenbahn- und U-Bahn-Geräusche beruhigen mich wie das Rauschen des Meeres. Meine Altbauwohnung im Rücken ist mein Rückzugsort, wenn die anderen Camper zu laut oder zu aufdringlich sind.
Und noch viel besser, das Bad muss ich mir mit niemandem teilen.

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